Bockgruppen
Böcke haben einen schlechten Ruf. Allerdings gelten sie schon als unverträglich, wenn sie einander mal anklappern oder an den Ohren ziehen. Dazu kann es sehr schnell kommen. Die wichtigste Regel lautet: Meerschweinchen brauchen Platz, um sich aus dem Weg gehen zu können und dazu zählen auch mehrere Fress- und Ruheplätze und Böcke strafen den Halter bei Nichterfüllung halt mit purer Bockigkeit.
allgemeine Daten aus dem Bockleben
Geschlechtsreife ab einem Gewicht von etwa 300g möglich
Frühkastration wird von erfahrenen Tierärzten ab einem Gewicht von 250g durchgeführt
1. Rappelphase mit etwa 4,5 Monaten beginnen Böckchen ihren späteren Platz in der Gruppe zu suchen. Eine Art Pubertät, die mit Geschlechtsreife nichts zu tun hat.
2. Rappelphase Die Böcke haben mit etwa 9 Monaten mehr Chancen auf Sieg, da sie reichlich Kampfgewicht und evtl. Selbstvertrauen zulegten.
3. Rappelphase tritt selten auf mit etwa 15 Monaten
Rangdiskussionen können jederzeit entstehen, wenn ein Gruppenmitglied rappelt oder eine Veränderung (Neuzugang/ Todesfall) stattfindet.
Zwei Böcke
Sind sie von klein auf zusammen, gibt es eher selten langwierige Rangeleien. Die Ausnahme
ist große Antipathie, die aber bereits im Babyalter feststellbar wäre. wenn sie
jedoch als Babies friedlich miteinander auskommen, können sie auch auf diese Weise zusammen
alt werden.
Hat man einen älteren Bock und setzt einen Babybock dazu, geht das die erste Zeit gut.
Wenn das Jungtier zwischen 5 und 9 Monaten alt ist, werden die beiden die Dominanz diskutieren.
Das kann in 5 Minuten geklärt sein, aber auch Tage dauern.
Mehr als zwei Böcke
Diese Haltung erfordert neben Nerven auch meerschweinisches Einfühlungsvermögen. Mit menschlichem Harmoniebestreben wird man nicht weit kommen. In einer größeren Gruppe (unterschiedlichen Alters) wechselt die Rangordnung gelegentlich. In sozialphysiologischen Untersuchungen stellte Sachser fest, dass in Gemischtgruppen zwei Drittel der Böcke irgendwann in ihrem Leben den Chefposten inne haben. (Norbert Sachser, Sozialphysiologische Untersuchungen an Hausmeerschweinchen, Berlin-Hamburg, 1994)

In unserer reinen Bockgruppe stellte ich gleiches fest. Der Wechsel findet im Rahmen
einer Rangdiskussion statt, wobei Meerschweinchen körperlich diskutieren und es
zu teilweise recht tiefen Bisswunden kommen kann.
Möhrwin (vorn) wartet auf eine Schwäche von Max (hinten), um selbst
Chef zu werden und ist immer in der Nähe.
Hat man mehr als zwei Jungtiere,
also z.B. drei etwa gleichaltrige Jungs, macht man sich selbst das Leben schwer. Die Jungs werden raufen,
sich anklappern, attackieren. Und das ist völlig normal.
Wäre der Jungspund von Erwachsenen umgeben, würden die ihn erziehen. Der Jungspund
hätte Vorbilder und könnte sich abgucken, wie man sozialverträglich um den Rang kämpft.
Wenn man zu zwei erwachsenen Böcken 2 Babieböcke setzt, beginnen in der Regel sofort
Rangstreitigkeiten. Vergessen, dass sie zuvor friedlich miteinander lebten. Der bisher
untergeordnete Bock wird sehr wahrscheinlich um den/ die Neuzugang(e) kämpfen. Die
Möglichkeit, dass die Vergesellschaftung friedlich bleibt, besteht durchaus, aber nur,
wenn einer der vorhandenen Böcke keinerlei Dominanzansprüche stellt, was eher selten
ist oder aber ein Alter erreicht wurde, in dem man langsam seine Ruhe haben möchte oder
die Ränge über Jahre zwischen den Alten klar unangefochten sind. Dass das Leittier
die Neulinge bespringt, ist jedoch auch dann unvermeidlich.
Ein paar Monate später werden die Babieböcke erwachsen. Sie müssen ihren Platz
in der Gruppe finden. Ich nenne dies die Rappelphase. Nun ist das Leittier gefragt, denn die oder
der Rappler wird den Chef attackieren und seinen Platz haben wollen. Ist der Rappler von Natur aus
nicht sehr dominant, unterwirft er sich dem Chef und probiert, den anderen Älteren zu
beherrschen. Wahrscheinlich sind jedoch einige Kämpfe zwischen Jungtier und Chefbock.
Hier beobachtete ich, dass vor allem die Böckchen, die als Baby kein Wässerchen
trüben konnten, sehr hartnäckig attackieren. Jene Jungtiere, die von klein auf
spielerisch kämpften, lernten schon da, Kämpfe zu beenden, Unterwerfung
akzeptieren bzw. sich selbst unterwerfen. Die "braven" Kinder lernen dies erst jetzt,
was sich über Wochen hinziehen kann.
Die Erfahrung zeigt, dass optimaler Weise auf jedes Babyböckchen, dass man zu einer Gruppe hinzusetzen möchte, zwei erwachsene Tiere kommen. Wenn sie also zwei Babyböckchen dazu holen möchten, sollten die Gruppe bereits aus 4 Böcken mit gefestigten Beziehungen bestehen.
Unstimmigkeiten
Es kommt vor, dass Böcke sich nach Rangdiskussionen nicht mehr vertragen. Dass einer von ihnen nicht mehr fressen, seinen Unterschlupf/ seine Ecke verlassen darf. In der Natur würde dieses Tier sterben. Als Mensch kann man hier eingreifen, in dem man das unterlegene Tier aus der Gruppe heraus nimmt und es mit einem anderen vergesellschaftet. Das andere Tier könnte ebenfalls eines aus der bisherigen Gruppe sein, hier muss der Halter entscheiden, mit wem es eventuell klappt.
Desweiteren kommt es vor, dass Rangdiskussionen dermassen aggressiv geführt werden, dass eine Trennung der Rivalen nötig ist. Anhaltspunkte dafür sind massive Gewichtsverluste, die länger als eine Woche andauern, Verletzungen im Bereich der Kehle, nach denen die Kämpfe dennoch weiter geführt werden oder anhaltend schwere Verletzungen.

Ein Tier jagt ein spezielles anderes dauerhaft. Ist ausreichend Platz vorhanden, wird der gejagte Bock sich zurück ziehen, der andere ihn jedoch gelegentlich "besuchen" und erneut jagen.
Diese Situation kann zum Verlust der Lebensfreude beim gejagten Tier führen, obwohl keiner der beiden einen Gewichtsverlust oder größere Verletzungen erleidet. Hier muss der Halter aus dem Bauch heraus entscheiden.
Depri-Dumpfi war plötzlich sehr menschenbezogen.

Ich nahm den Gejagten aus der Gruppe, woraufhin dieser zu seiner Lebensfreude zurück fand. Der Jäger jedoch begann nach einiger Zeit andere Gruppenmitglieder zu attackieren. In unserem Fall ging das soweit, dass ich den Jäger letztendlich aus der Gruppe entfernen musste, der zuerst Gejagte kehrte friedlich in die größere Gruppe zurück.
Wenn aus dem Gejagten ein Jäger wird, muss man sehr aufmerksam seine Tiere beobachten. Hier wäre es möglich, dass die Aggressivität enorm ansteigt, eine Unterwerfung nicht mehr akzeptiert wird und eine Trennung die einzige Möglichkeit ist.
Max (vorn) verjagt Schach (hinten), ein paar Tage später wird Max der Gejagte sein und panisch einen Weg aus dem Gehege suchen, weil Schach ihn nicht entkommen lässt.
Ein Kampf mal beschrieben
Möhrwin wog 750g und Max 1250g. Die beiden verbissen
sich ineinander und kugelten durch den Auslauf. Als sie durch
den Auslauf kugelten und gar nicht voneinander ließen,
trennte ich ängstlich und schaute nach. Keine einzige
Verletzung. Beide flüchteten vor mir ins Gehege und
begegneten sich dort. Sie verbissen sich sofort ineinander.
Max wirbelte den 500g leichteren Möhrwin über seinen
Kopf und warf ihn ein Stück durchs Gehege. Möhrwin
rappelte sich auf und ging sofort wieder auf Max los. Ich hielt
das nervlich nicht aus und holte mir Möhrwin - kein einziger
Kratzer. Daraufhin ließ ich sie kämpfen. Sie packten
sich, Max schüttelte Möhrwin immer wieder durch, Möhrwin
versuchte einen Biss anzubringen. Sie gingen immer wieder Bauch an
Bauch aneinander hoch, keiner flüchtete, beide suchten die
Konfrontation. Sie fielen regelrecht übereinander her, kugelten
immer wieder durchs Gehege, dann machten sie Pause und ruhten sich aus.
Drei Tage gingen sie immer wieder aufeinander los, wobei die Pausen
dazwischen länger wurden. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei.
Möhrwin trug eine oberflächliche Wunde auf dem Rücken,
Max hatte eine dicke Lippe. Max brommselte in der Folge Möhrwin
sehr häufig an und Möhrwin zeigte Respekt, die Unklarheit
war bereinigt.
Böcke trennen
Eines beachtet bitte, wenn man trennt, dann für immer.
Trennt man Tiere nur über Nacht, weil sie gerade zu sehr
lärmen oder man befürchtet, sie würden sich
über Nacht schwere Wunden zufügen, dann bereitet
man ihnen zusätzlichen Stress. Also nicht trennen, wenn
ihr sie nach wenigen Stunden wieder zusammen setzen möchte,
sondern nur trennen, wenn ihr beabsichtigt, dies dauerhaft
beizubehalten.
Mir ist kein Beispiel bekannt, dass Böcke sich totgebissen
hätten. Dennoch, wenn über eine längere Zeit immer
wieder tiefe Wunden entstehen, dann muss man trennen. Kratzer auf
dem Po, am Näschen, gepiercte Ohren oder auch mal eine dicke
Lippen lassen sich während Vergesellschaftungen und Rappelphasen
jedoch kaum vermeiden, sie sind auch über Wochen erst einmal
kein Trennungsgrund. Dauerhaft Trennen kann durchaus heißen,
dass die Streitböcke in ein paar Jahren oder wenn der Streit
durch eine Rappelphase bedingt war, in ein paar Wochen, nicht
wieder beginnt, wenn man sie dann zusammen setzt. Aber ob die
Wahrscheinlichkeit dafür 50 Prozent beträgt oder nur
20, dazu finde ich leider keine Studien. Im Einzelfall sagt
meine Erfahrung, dass es funktionieren kann.
Wenn ihr Böcke trennen wollt, die gerade ineinander verbissen
durch das Gehege kugeln, benutzt dringend einen dicken Handschuh.
So zahm, lieb und freundlich die Tiere im Alltag sind, ein Kampf
ist eine Ausnahmesituation. Jede Berührung gilt als
Angriff. In der Natur muss der unterlegene Bock das Rudel verlassen, was so
gut wie ein Todesurteil ist. Auch wenn die Böcke sich
überraschender Weise bei ihren Kämpfen selten tiefer
verletzen, sind sie wie im Rausch. Alle anderen Rudelmitglieder
gehen auf Tauchstation, denn sie wissen, wenn sie plötzlich
dazwischen geraten, bekommen sie die schlimmsten Verletzungen ab.
So ist das auch mit der Hand. Meerschweinchenbisse im Rausch
sind sehr tief, können eitern und für einen Krankenhausbesuch
eurerseits sorgen. Also dicken Handschuh an und ein Brett zwischen
die Kämpfer schieben, die behandschuhte Hand greift das Tier
heraus. Auf eurem Arm regt es sich schnell ab. Allerdings überlegt,
ob eine Trennung nötig ist. Macht ihr einen kurzen TÜV, werden
sie beim nächsten Treffen kurz darauf wieder kämpfen. Der TÜV
wird euch sagen, auf welche Art und Weise sie das tun. Wenn ihr keine tiefen
Bisswunden findet, dann vertraut ihnen.
Bockstreitigkeiten bei Aussenhaltung bedeutet, dass ihr entweder mehrere isolierte Schlafplätze anbietet oder die Schlafkiste gross genug ist, damit die Kämpfer sich aus dem Weg gehen können. Gegebenenfalls müsst ihr im Winter schon dann trennen, wenn es im Sommer gar nicht nötig wäre, damit der unterlegene Bock nicht der isolierten Kiste und Körperwärme der andern verwiesen wird und erfriert.
bockiger Alltag
Durch die Individualität der Meerschweinchen hat jede
Bockgruppe ihre eigenen Regeln. Wir erlebten eine 4er-Gruppe,
in der es null Streit gab. Alles war geklärt. Die Böcke
kuschelten zwar nicht miteinander, schliefen getrennt (meist),
futterten jedoch zusammen, stellten sich für Leckerlis
geduldig in einer Reihe auf. Sie lebten recht harmonisch zusammen.
Die Gruppe bestand aus zwei über fünfjährigen,
einem U2 und einem U1 Tier.
Andere Bockgruppen haben andere Regeln. In unserer derzeitigen 3er-Gruppe
wird regelmässig Unterwerfung verlangt, um den Schlafplatz
geklappert und gelegentlich verjagt. Zähneklappern hören
wir somit täglich. Verletzungen kommen im Alltag jedoch nicht
vor. Die Gruppe besteht aus zwei U2 und einem U7 Tier, alle drei
beteiligen sich am Sozialgerangel.
Unregelmässig erleben wir in unseren Bockgruppen, dass ein Tier auf Distanz geht. Dieses Tier ist dann oft in einer Phase der Veränderung, ein älteres Tier, welches sich aus der Rangfolge verabschiedet oder ein Tier, bei dem das Seblstvertrauen wuchs und welches daraufhin ab und zu stänkert. Die Rangfolge wird immer mal, selten umsortiert. In diesen Phasen schlafen die betroffenen Tiere oft nicht im Gehege, da unsere Bockgehege offen sind, ist das möglich. Zwar gefällt uns persönlich das nicht, dennoch machten wir die Erfahrung, dass das betroffene Tier Zeit braucht und die Distanz arge Streitigkeiten verhindert. Der Auslauf ist so gestaltet, dass der Bock gefahrlos ohne Aufsicht dort sein Unwesen treiben kann. Irgendwann, bisher dauerte das mehrere Wochen, kehrt das Tier zurück.
Novella Calow - www.salatgurken.net