Merseburg an der Klia

Okay, Merseburg an der Saale. Die "Merseburgers" wissen, welches Rinnsal die Klia ist und reagieren entweder belustigt oder beleidigt auf meine Art der Ortsangabe. Nun, ich wählte mit Bedacht. Während die Saale zu schmutzig und gefährlich zum Spielen war, liebte ich als Kleinkind die Klia.
Wer Merseburg nicht kennt, könnte sagen: dreckig, hässlich. Stimmt aber nicht! Darum lest hier.

Wo liegt Merseburg? In Sachsen-Anhalt, ziemlich mittig zwischen Nord- und Süddeutschland. 36km westlich von Leipzig/Sachsen.
Der Turm gehört zur Sixtiruine, einer über 1000 Jahre alten Kirche, die im 30jährigen Krieg zerstört wurde. Er wurde vor etwa 100 Jahren nach einem Blitzschlag zum Wasserreservoir umgebaut. Man sieht ihn von der Strasse der Romantik aus im Vorüberfahren und sollte spätestens hier innehalten, um Merseburg zu besuchen.
  • Geschichte bis 1900
  • sagenhaftes
  • 20. Jahrhundert
  • persönliche Eindrücke
  • Geschichte bis 1900

    Merseburg wurde 833 erstmals schriftlich in einem Zehntbericht erwähnt. Damals herrschten die Grafen von Merseburg und es soll bereits ein Kloster existiert haben an der Stelle des späteren Benediktiner-Klosters, lange bevor Sachsenherzog Heinrich I. nach Merseburg kam. Dieser wurde 919 König durch Heirat und Erbe. Eine seiner Königspfalzen errichtete er dann auf dem Burgberg, ebenfalls ließ er noch eine Kirche bauen, dem Apostel Johannes geweiht, und dann zogen seine Arbeiter dicke Mauern drumherum. Die ungarischen Heere überfielen in dieser Zeit immer wieder die ostfränkischen Gebiete. Eine siebenjährige Waffenruhe nutzte König Heinrich zum Aufrüsten. So entstand die legendäre Panzerreiterei. Ein Heer ganz anderer Art hauste am Fusse des Burgberges, die "legio mesaburiorum". Sie war eine aus Räubern und Abenteurern bestehende Truppe mit dem königlichen Privileg zum Brandschatzen und Plündern erorberter Gebiete. Was gerade dem sorbischen Land jenseits der Saale gar nicht gut tat.
    Otto I., Sohn Heinrichs, legte ein Gelübde ab. Wenn er die Ungarn besiegen würde, würde er dem heiligen Laurentius ein Bistum gründen. 955 fand die entscheidende Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg statt. Otto siegte und 13 Jahre später zog der erste Merseburger Bischhof in sein Bistum ein.
    Otto II. erteilte 980 dem Bistum Merseburg das Recht, einen eigenen Markt abzuhalten. Von je her lag Merseburg im Schnittpunkt wichtiger Handelsstrassen.
    1015 legte Bischof Thietmar von Merseburg den Grundstein für eine neue Kathedrale. 1021 wurde der Dom im Beisein von Kaiser Heinrich II. eingeweiht. Allerdings war Pfusch am Werk. In den folgenden Jahrzehnten ist der Chor dieses Doms zweimal eingestürzt. Beim dritten Aufbau ließ Bischof Hunold, zwei Türme und das Sanktuarium von Grund auf neu errichten. An der Weihe dieses nun von neuem erbauten Doms nahm wieder der Kaiser teil, diesmal Heinrich III..
    Zu dieser Zeit siedelten bereits Handwerker und Kaufleute zu Füssen des Burgberges. Reichsversammlungen fanden statt. Kirchen entstanden. Wahrscheinlich bereits zu Zeiten Ottos I. die St. Maximi Kirche am Markt und Bischof Hunold ließ die St. Sixti Kirche bauen, von der ich oben schon erzählte. Sie steht übrigens auf einem herrlichen Rodelberg. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde unter Bischof Eckehard die Stadtmauer errichtet. Über die Existenz einer städtischen Verwaltung gibt es erst ab dem Jahre 1289 Zeugnisse. In den Stadtrat durfte übrigens niemand gewählt werden, der nicht zuvor dem Bischof präsentiert worden war. Friedrich von Hoym ordnete dies 1362 auch offiziell an.
    1426 wagten die Merseburger sich der Hanse anzuschließen, ohne zuvor die bischöfliche Zustimmung einzuholen. Für den Bischof kam dies einer Rebellion gleich. Aber mittlerweile hatte Merseburg seine Stellung als Handelsmetropole eingebüsst, da die Messe nach zwei Stadtbränden in Leipzig stattfand und die Merseburger brauchten die Hanse. Doch zur Strafe gingen städtische Bauwerke an den Bischof über. Etwa 100 Jahre später im Bauernkrieg halfen dann auch noch Merseburger den Bauern beim Versuch, die Dommauern zu überwinden. Herzog Georg von Sachsen kam ein paar Tage darauf nach Merseburg und veranlasste, dass vier Bauern und vier Städter geköpft wurden und die Stadt 3000 Gulden Buße zahlen musste für diesen Frevel.
    Bischof Thilo von Trotha hat in seiner Regierungszeit von 1466 bis 1514 viele Umbauten angeregt. Und er wurde zumindest nach seinem Tod eine städtische Legende. Drei Jahre nach Thilos Tod schlug Martin Luther seine Thesen in Wittenberg an und die Zeit der Bischöfe in Merseburg neigte sich dem Ende. Der Domumbau in Prunk wurde nicht so genutzt, wie Thilo es wohl gewünscht hätte. Wer nach Merseburg kommt, sollte den Dom besuchen und auch durch den Kreuzgang wandeln, zuhören, was dort erzählt wird und seiner Fantasie freie Bahn schenken beim Anblick der "Spuren des Teufels".
    Eine Orgelstunde im Merseburger Dom wird sogar von Kennern geschätzt. Von dieser Orgel gibt es nur wenige Exemplare, leider fällt mir ihr Name nicht mehr ein. *grins*

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    Seit 1656 herrschten die Herzöge von Sachsen-Merseburg für etwa ein Jahrhundert, dann starb ihre Linie bereits aus. Ein Wechsel-Dich-Spiel begann. Herzöge, Kurfürsten, Bischöfe, Stadtbrände, die Pest - die Merseburger arbeiteten, duldeten, warteten. Der Wiener Kongress beschloss 1815, Merseburg als vom Königreich Sachsen abgetrenntes Gebiet dem preußischen Staat anzugliedern. Scheinbar hatten die Merseburger aber keine Lust Preußen zu sein, denn zwei Jahre später beklagte sich der preußische Regierungspräsident, dass die Merseburger der preußischen Fürsorge nicht wert seien. Allerdings bestand jene Fürsorge daraus, die Bürokratie und eine Garnision aufzubauen. 1847 mussten die Husaren eine Hungerdemonstration der Merseburger niederschlagen. 39 Merseburger wurden zu Zuchthaus und Stockschlägen verurteilt. Am 14. November 1848 verhängte General Wrangel in Berlin den Belagerungszustand. Revolution und die Merseburger besetzten ihren Bahnhof, um die Truppentransporte Richtung Berlin aufzuhalten. Jaja, wenn man Sachsen zu Preußen machen will. Die Bürgerwehr bekam in zwei Arbeiterkorps Unterstützung, um auf den Gleisen eine Barrikade zu errichten und das Telegrafenzimmer zu besetzen. Den Staatsstreich der Konterrevolution konnten sie allerdings auch nicht verhindern. In der Merseburger Zeitung stand bald darauf eine Anzeige, die billige Überfahrten nach New York, Baltimore und Orleans anbot.
    Davor jedoch, 1841, gab es eine Sensation. In der Dombibliothek wurden die "Merseburger Zaubersprüche", vorchristliche Beschwörungsformeln aus dem 8. Jahrhundert, aufgefunden. Ein Mönche hatte sie in den Umschlag eines Buches notiert und so der Nachwelt erhalten. Diese althochdeutschen Zeilen gehören zu den ältesten Überlieferungen, die wir haben und geben Einblick in das damalige Leben.

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    sagenhaftes

    Die Stadtsage kennt jedes Kind in Merseburg

    Bischof Thilo von Trotha, so wird erzählt, besass einen wertvollen Ring. Eines Tages vergass er ihn auf dem Waschbecken. Als er zurück kehrte, um den Ring zu holen, war dieser verschwunden. Der einzige, der Zutritt zu den Gemächern des Bischofs hatte, war sein treuer, alter Diener, dem er vertraute. Am Hof gab es viele Neider und die sprachen so lange auf den Bischof ein, bis dieser den Diener köpfen ließ. Der Diener jedoch sagte kurz vor seiner Hinrichtung: Als Zeichen meiner Unschuld werden meine Arme sich in die Luft heben, wenn mein Kopf zu Boden fällt. Und so geschah es dann. Bei Dachreparaturen fand man den Ring einige Zeit später im Nest eines Rabens. Thilo von Trotha war untröstlich, ließ den Raben in einen Käfig sperren und soll bis zu seinem Tode getrauert haben.

    Einen Raben, es handelt sich um dem vom Aussterben bedrohten Kolk-Raben, kann man immer noch im Käfig auf dem Vorhof des Schlosses anschauen. Er soll an den voreiligen Schuldspruch erinnern und die Tat seines Ahnen sühnen. Freilich werden die Raben jeweils nur kurz in diesen Umständen gehalten und häufig ausgetauscht. Die Tierschutzbehörde achtet auf ihn und schrieb auch mehrere Käfigumbauten vor.
    Auf dem Vorhof des Domes sucht man dann noch den Stein mit dem Gabelabdruck, der schon so oft geklaut wurde. In der Nähe der Fahnenmäste wird man einen der Ersatzsteine finden. Es heißt, ein Diener hatte es eilig, ihm fiel diese Gabel vom Tablett und beim Aufheben blieb ihr Abdruck im Stein zurück. Dass ein Fuhrwerk darüber fuhr, ist allerdings nicht überliefert. Nur die Hast und Gehorsamkeit des Dieners.

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    Das 20. Jahrhundert

    1916 wurde das Chemiewerk Leuna erbaut. Tausende Arbeiter kamen nach Merseburg. Leuna, als Stickstoffproduzent (ohne Stickstoff keine Munition) war ein wichtiges Glied der Waffenschmiede für beide Weltkriege. Im August 1917 traten 12.000 Leuna-Arbeiter in den Streik. sie demonstrierten für den Frieden. Am 9. November 1918 wird die Revolution mit einer Demonstration auf dem Markt befürwortet. Aus den Märzkämpfen von 1921 kennen viele das Lied: "Bei Leuna sind viele gefallen..." Die Leunawerker waren irgendwie immerzu in Kämpfe verwickelt, produzierten für den Krieg und suchten standhaft nach dem Frieden. Selbst dann noch, als das Werk von Polizei und Atellerie erst eingekreist und dann besetzt wurde.
    Wenn wir südlich von Merseburg die Leuna-Werke finden, so sehen wir nordöstlich den Chemiegiganten Buna. Bei ehemals voller Produktion mit und ohne Filteranlagen konnte man sehr leicht, die Windrichtung bestimmen. Roch es nach faulen Eiern, kam der Wind aus Süden, bekam man kaum noch Luft, war es der aus Nordost. Im Frühjahr 1944 fielen Bomben auf Leuna und zum Jahresende wurde die Altstadt von Merseburg zu großen Teilen zerstört. Nach dem Krieg nahmen die Russen mit, was sie abbauen konnten und als keiner die Ossis haben wollte, mussten sie helfen, alles wieder aufzubauen. Das Experiment DDR kam und ging, so wie all die Kriege, Stadtbrände und Epedemien über die Stadt gekommen und gegangen waren. Seitenanfang

    Persönliche Eindrücke

    Ein wunderschöner Dom, ein herrliches Schloss, viele alte Bauwerke und verwinkelte Gassen. Es gab immer etwas zu entdecken, was einem zuvor entgangen war. Auch die alten und neuen Parks boten Platz zum Stromern, für kindliche Abenteuerreisen und zum Einschlammen. Nach der Wende jedoch wurde so barbarisch gebaut, dass jetzt Monster den Eingang zur Altstadt bewachen. Das Ständehaus mit seinem wundervollen Festsaal degenerierte zur Bruchbude. Kein Geld hat die Stadt an der Strasse der Romantik. Aber die Häuser zerfressen von Chemie, von Verschmutzungen der Alu-, Papierproduktion und vom Staub des Kohleabbaus, vernachlässigt zu DDR-Zeiten, verschlingen Unsummen. Für das Ständehaus gründete sich zum Glück eine Bürgerinitiative.
    Was hatte Merseburg noch? Da wäre das Planetarium. Ob das heute noch geöffnet ist, weiß ich leider nicht. Aber ich lernte dort viel über die Gestirne und über Menschen, denn der Herr Springer, 2. Herr des Planetariums, hatte uns Menschenkinder einfach herzlich gern. Und da es sich mitten in der Erholungszone Merseburgs und auch noch mitten in einer Eisdiele befand (vor ein paar Jahren dann China-Restaurant), kam ich oft dort vorbei. Die Astro-Fans trafen sich jedoch eher im Observatorium, welches im Ständehaus untergebracht war.
    vorderer Gotthardsteich
    Vor der Wende verfügte Merseburg auch über ein Kino, eigentlich sogar zwei. Nur musste das alte Kino geschlossen werden. Jahre später zog die Bibliothek dort ein.
    Wenn man vom diesem Merseburg redet, sollte man auch die Sowjet-Armee nicht vergessen. Ein riesiges Kasernengelände, Raketenrampen und die Elite-Flugstaffel wurden von der Stadt beherbergt. Eliteflugstaffel hieß, dass sie mittwochs Treibstoff bekamen und sofort in ihren MIGs losflogen. Wir durften dann für Minuten die Schulstunde unterbrechen, weil kein Wort mehr zu verstehen war. Und manchmal landeten ihre Fallschirmjäger im Schulhof oder der Gartenanlage daneben. Was für eine Aufregung. *grins*
    Das Wohnviertel der sowjetischen Offiziere, wo sie mit Frauen und Kindern lebten, wäre ein guter Ort gewesen, um die in der Schule erlernten Russisch-Kenntnisse zu verfeinern. Nur die Sprache der Freunde wurde nicht von Freunden gesprochen. Für sie waren wir alle Nazis. Kein Wunder, wenn man sich das Programm des sowjetischen Fernsehsenders in unserer Region ansah. Ein Kriegsfilm nach dem anderen. Nicht einmal entdeckte ich einen Film ohne brutale Nazi-Deutsche. So waren die sowjetischen Freunde eher die, die einen vom Fahrrad rissen und zusammen schlugen. Unter den Erwachsenen gab es andere. Nette Offiziere, die sich freuten, wenn man mit seinem Russisch radebrechte, die einem aber sofort Schweigen geboten, wenn ein anderer sowjetischer Offizier in die Nähe kam. Warum wohl?
    Zu Merseburg gehört für mich jedoch mehr. Die Tischlerei in der Nähe des Ottolochs (eine Parkanlage), die uns schon zu meinen Kindertagen mit Holzspänen für das Meerschwein versorgte, mein Lieblingsbäcker, an dessen Hintertür der Verkauf mitten in der Nacht begann.

    Durchgang "von hinten nach vorn"
    Der hintere Gotthardsteich mit dem Braunbärengehege und der Schneckenrutsche oder der Südpark mit dem Wildtierzoo. Und natürlich der vordere Gotthardteich, an dessen Ufer die Meerschweinchen untergebracht waren, von denen dann auch mein Muschebuh abstammte.
    Die verbotene Zone der Bombenkrater, wo man herrlich Radfahren bzw. Radspringen üben konnte, die Riesenrutsche, für die ich einfach zu leicht war, um tatsächlich unten anzukommen. Als Kind mochte ich Merseburg.

    Als der letzte Schultag näher rückte, war ich mir sicher, keinen Tag länger bleiben zu wollen. Eine Stadt mit damals noch 50.000 Einwohnern (heute sind es weniger wegen der hohen Arbeitslosigkeit), mit hochgeklappten Bürgersteigen, einem verrammelten Kino und kaum Jobs war einfach nicht mein Ding. Das kulturelle Angebot kann ich nur als ärmlich bezeichnen, obwohl die Merseburger sich standhaft über Wasser halten. Bei dieser Einstellung verweile ich noch heute. Wenn ich an Heimat denke, ist Merseburg Teil davon, eine Rückkehr in die Heimat wäre jedoch eine Rückkehr nach Leipzig, 36 km von Merseburg entfernt. In die Stadt, in der ich jene 9 Jahre nach meinem letzten Schultag verbrachte, bevor ich über Bayern nach Saarbrücken kam. Man kann aus Sachsen eben auch keine Anhaltiner machen. *grins*

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    Die Fotos sind mit einer Kinderknipse von Kinderhand aufgenommen. Dafür ist die Qualität ganz brauchbar, denke ich.
    Gebt euren einfach etwas bessere Knipsen, dann wird das auch. *frechsei*

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    Novi